[ Pressespiegel ]    LZ 26. September1998:

Von 1945 bis 1956 lebte SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder in Wülfer-Bexten - Zeitzeugen von einst erinnern sich

Einziger Junge inmitten strickender Mädchen

Von Wolfgang Becker

Bad Salzuflen/Wülfer-Bexten. Wenn sie ihm morgen auch nicht alle ihre Stimme geben, die Daumen drücken werden sie SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder aber ganz bestimmt. Die Menschen aus Wülfer-Bexten, die viel über ,,Gerds“ prägenden Kindheitstage in dem kleinen Ortsteil wissen - seine Mitschüler und Spielkameraden von einst. Was in unzähligen Talkrunden, Artikeln und Portraits über den Herausforderer Helmut Kohls ausgespart oder nur knapp angerissen wurde, ist ihnen im Detail bekannt und allgegenwärtig.

Die Familie Schröder - Mutter Erika, eine Witwe, und Schwester Gunhild sowie die Großmutter - lebte in einer Behelfsunterkunft auf dem Sportplatz und war bitterarm. Ein Jahr war der am 7. April 1944 in Mossenberg bei Blomberg geborene Gerhard Schröder alt, als Erika Schröder mit ihren beiden Kindern nach Bexten zog. Der Ort quoll damals förmlich über von Flüchtlingen. In den 1 000-Seelen-Ort kamen nach Kriegsende über 200 Fremde, die aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Genauso wie die Schröders, die ursprünglich aus Leipzig stammten und nach Westen flohen. Vater Fritz war Hilfsarbeiter und beim Kirmesaufbau beschäftigt. Der Soldat einer Pioniereinheit fiel im April 1944 auf dem Rückzug aus Rußland.

Eine Frauengesellschaft ist es, in die Gerhard Schröder damals hineinwächst. Viele Männer waren im Krieg umgekommen oder saßen in Gefangenschaft. Erika Schröder und ihre Mutter sorgten für den Lebensunterhalt. Mehr als einmal fehlte das nötige Geld, um Essen zu besorgen. Oft mußte sie beim Einkaufen im kleinen Geschäft, das sich Ende der 40er Jahre in der Gaststätte ,,Waldkrug" befand, anschreiben lassen. Eigentümer Herbert Kampe: ,,Einmal versuchte sie, ein Sofa gegen Lebensmittel einzutauschen, ein anderes Mal ihren Rentenschein als Pfand zu geben." Die Oma war für ihre Pfiffigkeit bekannt. Sie soll hin und wieder einen Sonntagsbraten bei Spaziergängen durch Schötmar beschafft haben. Wie, blieb ihr Geheimnis...

Hartmut Schönfeld, acht Jahre älter als Gerd und mit Mutter und Schwester aus Königsberg nach Wülfer-Bexten ge-kommen, freundete sich später mit ,,dem Kleinen" an. ,,Er war immer vorne weg. Obwohl viel jünger als die meisten Spielkameraden, übernahm er gerne die Führung, wenn wir von unseren selbstgebauten Buden aus Streifzüge durch den Bexter Wald unternahmen", erinnert sich Schönfeld. Einmal erwischte sie der Förster, als sie im Unterholz ein Feuerchen gemacht hatten. ,,Der halbe Wald brannte. Mit Hilfe des Försters konnten wir Kinder aber die Flammen ersticken. Wir mußten zur Strafe später ein großes Stück im Forst umgraben."

Den Grund für Schröders Fußball-Leidenschaft sieht Manfred Hiltergerke darin, daß der heutige Kanzler-Kandidat damals direkt auf dem Bextener Sportplatz wohnte. Das Behelfsheim ragte über den Eckpfosten hinaus ins Spielfeld. Wenn die Spieler die Ecken verkürzt traten und die Bälle gegen die Wände knallten, fielen drinnen die Petroleumlampen von den Decken.

"Der flinke Knirps durfte aus Spaß mitspielen

,,Manchmal ließen die Kicker den flinken Knirps spaßeshalber mitspielen, nachdem er ihnen stundenlang zugeschaut hatte," weiß der Ortsausschußvorsitzende. Später dann war Schröder selbst beim TuS Bexterhagen dabei, schuf als Fußballspieler mit dem Spitznamen ,,Acker" vorne schnell Platz und mußte sich im ,,Luftraum" verteidigen. Etwas mehr Platz für die Schröders gab es dann in ihrem neuen Zuhause, dem ehemaligen ,,Schäferhaus" des Amtsmeierhofes zu Bexten, das heute im Detmolder Freilichtmuseum steht. 1950 wurde Gerd eingeschult. ,,Er war ein untadeliger Schüler, fiel durch seine guten Leistungen auf", erinnert sich Horst Schnelle. Und zum weiblichen Geschlecht hatte Gerhard Schröder schon damals ein ganz besonderes Verhältnis. Monika Kaiphas, geborene Wüstenbecker, die mit ihm bis zu seinem Wegzug nach Talle im Jahre 1956 die Schulbank drückte, denkt mit einigem Schmunzeln daran zurück, wie Gerd als einziger Junge im Kreise der Mädchen saß und im Handarbeitsunterricht von Fräulein Pöhlert strickte und häkelte.

Mythos oder Kolportage? Rektor Heinrich Tegtmeier soll dem Elfjährigen Talente als Staatslenker bescheinigt haben: „Du hast das Zeug zum Bundeskanzler", zitiert Horst Schnelle den gefürchteten Schulleiter. Ob der Pädagoge einst wirklich seherische Fähigkeiten besaß, wird morgen entschieden. Vom Wähler.


Der „kleine Gerd" (ganz links) als Elfjähriger 1956 mit seinen Schulfreunden und -freundinnen. Vorne rechts Monika Wüstenbecker (heute Kaiphas), die Gerhard Schröders Talente im Handarbeitsunterricht erlebte.